Warum wir den gesamten Trainingsprozess betrachten müssen
Die Kombination aus Hypoxie und Hyperoxie ist seit Jahren ein wesentlicher Bestandteil des IHHT. Dabei folgt auf einen kontrollierten Hypoxiereiz eine Erholungsphase mit erhöhter Sauerstoffkonzentration.
Inzwischen gehen moderne Systeme einen Schritt weiter: Die Hyperoxie kann abhängig von der gemessenen Sauerstoffsättigung begrenzt oder mit einer anschließenden normoxischen Phase kombiniert werden.
Das ist sinnvoll. Aber aus meiner Sicht beginnt genau hier die eigentlich spannendere Entwicklung:
Was wäre, wenn wir nicht nur die Sauerstoffkonzentration der Erholungsphase anpassen, sondern den gesamten Trainingsprozess an der individuellen physiologischen Reaktion ausrichten?
Denn Menschen reagieren auf den gleichen Hypoxiereiz sehr unterschiedlich. Die gleiche FiO₂ kann bei einer Person zu einer schnellen und deutlichen Absenkung der SpO₂ führen, während eine andere Person wesentlich langsamer reagiert. Auch Herzfrequenz, autonome Regulation und Atmung können unterschiedlich auf denselben Reiz reagieren.
Und selbst die gleiche Trainingsdauer bedeutet nicht automatisch die gleiche physiologische Dosis.
Deshalb sollten wir Hypoxietraining nicht nur in Minuten und Sauerstoffkonzentrationen denken.
IHT, IHHT und adaptive Recovery im Vergleich – Dosis, Response, Recovery und nächste Dosis
Drei Ebenen eines Trainingszyklus
Für unsere aktuelle Entwicklungsarbeit bei Cellgym betrachten wir einen Trainingszyklus zunehmend als Zusammenspiel von drei Ebenen:
- Dosis – welchen Reiz haben wir tatsächlich gesetzt? Dazu gehören unter anderem FiO₂, Dauer des Hypoxiereizes und die tatsächlich erreichte Zeit in der individuellen SpO₂-Zielzone.
- Response – wie reagiert der Organismus darauf? Hier betrachten wir nicht nur die SpO₂-Dynamik, sondern zusätzlich Herzfrequenz und – sofern die Signalqualität es erlaubt – HRV/RMSSD und Atemfrequenz.
- Recovery – wie verarbeitet der Organismus diesen Reiz? Wie schnell erfolgt die Reoxygenierung? Wie entwickelt sich die Herzfrequenz? Und zeigen die unterstützenden autonomen und respiratorischen Parameter ebenfalls eine Erholung?
Erst danach stellt sich die entscheidende vierte Frage: Wie sollte der nächste Hypoxiereiz aussehen?
Von adaptiver Hyperoxie zu adaptiver Trainingssteuerung
Genau hier unterscheidet sich für mich adaptive Hyperoxie von einer zukünftigen adaptiven Trainingssteuerung. Hyperoxie wäre darin nicht mehr zwangsläufig ein fest vorgegebener Bestandteil jeder Erholungsphase, sondern eine mögliche Stellgröße innerhalb der Recovery.
- Wenn Normoxie für eine ausreichende Erholung genügt, warum sollte mehr Sauerstoff notwendig sein?
- Wenn die Reoxygenierung dagegen nicht ausreichend voranschreitet, könnte die Sauerstoffkonzentration perspektivisch bedarfsgerecht angepasst werden.
- Und wenn die SpO₂ bereits wiederhergestellt ist, andere physiologische Signale aber noch keine ausreichende Erholung zeigen, könnte die richtige Antwort möglicherweise gar nicht mehr Sauerstoff, sondern schlicht mehr Recovery-Zeit sein.
Das verändert die Perspektive. Aus Hypoxie → Hyperoxie → Hypoxie wird perspektivisch:
Dosis → Response → Recovery → nächste Dosis
Das langfristige Ziel wäre damit nicht einfach eine intelligentere Hyperoxiephase. Es wäre ein Trainingssystem, das zunächst die individuelle Hypoxiereaktion charakterisiert, daraus ein konservatives Startprofil ableitet und anschließend beobachtet, wie der einzelne Mensch auf jeden Trainingsreiz reagiert und wie gut er sich davon erholt.
Wichtig ist dabei: Die konkreten adaptiven Entscheidungsregeln müssen mit realen Trainingsdaten untersucht und validiert werden. Eine „optimale" physiologische Dosierung lässt sich heute nicht einfach aus einzelnen Messwerten ableiten.
Aber genau darin sehe ich einen der spannendsten Entwicklungsschritte für das Hypoxietraining:
Nicht nur die Sauerstoffphase wird adaptiv. Der gesamte Trainingsprozess wird zunehmend individuell.
Ausblick auf Teil 2
Im zweiten Teil dieser Serie geht es um eine Frage, die dafür entscheidend ist: Warum bedeutet eine wiederhergestellte SpO₂ nicht automatisch, dass der Organismus vollständig erholt ist?
